IVN Naturleder oder LWG Gold: Was beweist welches Siegel?
Im deutschen Barfuß-Markt wird „chromfrei" fast automatisch mit einem Rezeptur-Siegel gleichgesetzt, und die Frage nach dem Werk kommt gar nicht mehr. Beides ist prüfbar, beides ist unterschiedlich — und beides gehört in dieselbe Spalte Ihres Lieferantenbogens.
Ein Leitfaden von TL San Martín, Gerberei am Ursprung in Elda (Alicante, Spanien) seit 1995, LWG Gold-zertifiziert nach dem Hersteller-Standard, mit verifizierter Rückverfolgbarkeit.
Die beiden Siegel beantworten nicht dieselbe Frage. IVN Naturleder prüft die Rezeptur: welche Gerbstoffe, Farbstoffe und Hilfsmittel im Leder stecken dürfen. LWG Gold nach dem Hersteller-Standard prüft den Betrieb: das Umweltmanagement des Werks, auditiert, mit Rückverfolgbarkeit getrennt in Prozent bewertet. Wer für Barfußschuhe einkauft, braucht beide Antworten — und keines der beiden Siegel ersetzt einen Prüfbericht auf Ihren Artikel.
Was genau prüft IVN Naturleder?
Der Standard des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft ist ein Substanz- und Prozessstandard über die gesamte Kette, von der Haut bis zum fertigen Leder, und wird jährlich überprüft. Die für den Einkauf relevanten Festlegungen:
- Chromgerbung ist verboten — ebenso Gerbung mit Aluminium, Zirkonium und Titan. Das geht über „chromfrei" hinaus und entspricht dem, was in der Branche metallfrei heißt.
- Pflanzliche Gerbung ist die bevorzugte Route.
- Farbstoffe müssen AOX- und schwermetallfrei sein.
- Tenside und Waschmittel müssen biologisch abbaubar sein.
- Häute stammen von Tieren aus der Fleischerzeugung; Wildarten und geschützte Arten sind ausgeschlossen.
Was daraus folgt: Ein IVN-zertifiziertes Leder sagt Ihnen sehr präzise, was nicht drin ist. Es sagt Ihnen wenig über Wasserverbrauch, Abwasserbehandlung, Energie oder darüber, ob die Gerberei die Herkunft ihrer Häute überhaupt nachverfolgen kann.
Was genau prüft LWG Gold — und was nicht?
Die Leather Working Group auditiert Betriebe, nicht Rezepturen. Vier Punkte, die man kennen muss, bevor man ein LWG-Logo als Argument akzeptiert:
- Es gibt vier Standards — Leather Manufacturer, Commissioning Manufacturer, Trader und Subcontractor. Nur die ersten beiden erhalten überhaupt eine Medaille. Trader und Subcontractor kommen höchstens auf „Approved": dort existiert kein Gold.
- Die Medaillenstufen: Gold 85–100 %, Silver 75–84 %, Bronze 65–75 %, Audited 50–64 %. Das Hersteller-Protokoll P7 bewertet 17 Abschnitte, und die Medaille wird auf dem Niveau der niedrigsten Kategorie vergeben — nicht als Durchschnitt. Ein Betrieb mit 95 % in sechzehn Abschnitten und 70 % im siebzehnten ist Bronze.
- Rückverfolgbarkeit wird separat und in Prozent bewertet. Sie ist derzeit kein kritischer Abschnitt für die Medaille — ein gültiges Zertifikat ist also mit 0 % Rückverfolgbarkeit möglich. Deshalb ist die Prozentzahl die Zeile, die Sie lesen müssen, nicht das Logo.
- Gültigkeit: 24 Monate für Hersteller, Commissioning Manufacturer und Subcontractor — 12 Monate für Trader.
Daraus ergibt sich die einzige Formulierung, die sachlich haltbar ist: LWG Gold nach dem Standard für HERSTELLER, mit verifizierter Rückverfolgbarkeit — kein Siegel eines Zwischenhändlers. Wie man Nummer und Kategorie eines Zertifikats prüft, steht in How to read an LWG certificate.
Gegenüberstellung: Rezeptur gegen Betrieb
| Kriterium | IVN Naturleder | LWG (Hersteller-Standard) |
|---|---|---|
| Prüfgegenstand | Rezeptur und Prozesskette | Umweltmanagement des Werks |
| Chrom | verboten | erlaubt; Cr(VI) über Grenzwerte geregelt |
| Aluminium / Zirkonium / Titan | verboten | nicht ausgeschlossen |
| Farbstoffe | AOX- und schwermetallfrei | nicht Gegenstand des Protokolls |
| Wasser, Abwasser, Energie | teilweise | Kern des Audits |
| Rückverfolgbarkeit | Herkunft aus Fleischerzeugung | separat in % bewertet, kann 0 % sein |
| Abstufung | zertifiziert / nicht zertifiziert | Gold / Silver / Bronze / Audited |
| Gültigkeit | jährliche Überprüfung | 24 Monate (Trader 12) |
Die Tabelle beantwortet die Kaufentscheidung nicht — und das ist ihr Zweck. Wer nur ein Rezeptur-Siegel prüft, kauft möglicherweise ein sauber rezeptiertes Leder aus einem Werk ohne Abwasserbilanz. Wer nur ein Medaillenlogo prüft, kauft möglicherweise ein Trader-Zertifikat, das gar keine Medaille tragen kann.
Warum ist das bei Barfußschuhen keine akademische Frage?
Weil der Barfußschuh die Kategorie mit dem höchsten Hautkontakt im gesamten Schuhsegment ist. Anatomische Zehenbox ohne Vorderkappe, keine Hinterkappe, Obermaterial bei 1,0–1,4 mm, Futter bei 0,6–1,0 mm, häufig ohne Socke getragen. Es gibt keine Opferschicht zwischen Chemie und Haut. Details zur Konstruktion stehen im Hub Leder für Barfußschuhe, die Chemie im chromfreien Leder für Barfußschuhe, und die englische Fassung des Lieferantenguides unter Leather for barefoot shoes.
Und der Terminkalender arbeitet gegen Sie: Ab dem 10. Oktober 2026 begrenzt REACH Anhang XVII, Eintrag 79, PFHxA auf 25 ppb und verwandte Substanzen auf 1.000 ppb in Verbraucherschuhen und Lederaccessoires. Frankreich hat seit Januar 2026 eigene PFAS-Grenzwerte, Dänemark seit dem 1. Juli 2026 einen Gesamtfluor-Wert von 50 mg/kg. Kein Siegel deckt das ab — es ist Produktrecht, nicht Zertifizierung. Der häufigste Fehler in der Reihenfolge: auf chromfrei umstellen und das fluorhaltige Hydrophobierungsmittel behalten. Damit ist die Hälfte gelöst, die dieses Jahr niemand reguliert.
Was Sie zusätzlich zu jedem Siegel anfordern sollten
Fünf Zeilen, jede auf Ihren Artikel und Ihre Farbe bezogen, nicht auf ein Musterbuch:
- ISO 17075 Chrom VI, auch nach Alterung — Grenzwert 3 mg/kg nach REACH Anhang XVII, Eintrag 47
- PFAS-Bericht mit Datum, inklusive Angabe zum Hydrophobierungsmittel
- ISO 11640 Reibechtheit, trocken ≥ 4 / feucht ≥ 3 — im Barfußschuh der Wert, der über den Socken entscheidet
- ISO 5402-1 Dauerbiegung ≥ 50.000 Zyklen, zusätzlich bei −5 °C, wenn Sie in Deutschland und Skandinavien verkaufen
- ISO 14268 Wasserdampfdurchlässigkeit — der Test, der Ihr Gesundheitsversprechen auf der Produktseite trägt
Dazu die prüfbare LWG-Auditnummer mit Kategorie und Rückverfolgbarkeitsprozent. Der Unterschied zwischen Gerberei und Handel zeigt sich genau hier: Der Betrieb, der gegerbt hat, nennt Ihnen Partie, Zone und Prozentzahl; der Zwischenhändler wiederholt das Etikett. Der chemische Hintergrund steht in Chrome vs chrome-free tanning, die Herkunftsfrage in EUDR und Leder und unser eigener Auditstatus unter LWG Gold certified Spanish tannery.
Praktischer Hinweis zur Menge: Eine Partie liegt bei etwa 100 m² pro Artikel und Farbe, das sind bei 0,32–0,40 m² pro Paar inklusive Futter rund 200–300 Paar. Auf die Haut selbst gibt es bei uns kein Minimum — ein Artikel lässt sich ab einer einzelnen Haut prüfen.
Häufige Fragen
Schließen sich IVN und LWG gegenseitig aus?
Nein. Sie messen Verschiedenes. Ein metallfrei gegerbtes Leder kann aus einem LWG-auditierten Werk kommen. Die Kombination ist die stärkste Position, weil sie Rezeptur und Betrieb gleichzeitig belegt.
Ist chromfrei automatisch besser für Barfußschuhe?
Für den Hautkontakt ist metallfrei das Argument, das trägt. Aber Chrom VI entsteht nicht zwangsläufig aus Chromgerbung, und ein schlecht zugerichtetes chromfreies Leder ist keinem gut geführten Chromleder überlegen. Der Prüfbericht entscheidet, nicht die Gerbart.
Warum spielt Rückverfolgbarkeit für ein Siegel keine Rolle, für mich aber schon?
Weil sie in der LWG-Bewertung derzeit separat und in Prozent geführt wird und nicht medaillenkritisch ist. Für die EUDR-Sorgfaltspflicht ist sie dagegen die zentrale Größe. Deshalb ist sie eine eigene Frage im Lieferantenbogen.
Pflanzlich gegerbtes Leder für den Schaft — ja oder nein?
Selten. Pflanzliche Gerbung gehört unter den Fuß, nicht um ihn herum: für Fußbett und Decksohle sinnvoll, für ein Obermaterial bei 1,0–1,4 mm meist zu steif und zu wenig biegewechselfest.
Equipo técnico de TL San Martín — Gerber in Elda seit 1995. LWG Gold nach dem Standard für Hersteller, mit verifizierter Rückverfolgbarkeit.