TL San Martín

Founder Sourcing · Lieferantenauswahl

Oberleder aus Italien oder Spanien? Was wirklich zählt

Die Frage «italienisch oder spanisch» wird in der Schuhbranche wie eine Qualitätsfrage behandelt. Sie ist aber eine Herkunftsfrage — und die Zahlen, die über Ihre erste Produktion entscheiden, stehen auf einem ganz anderen Blatt.

Ein Leitfaden von TL San Martín, Gerberei in Elda (Alicante, Spanien) seit 1995, LWG Gold nach dem Leather-Manufacturer-Standard.

Jorge San Martín · TL San Martín Aktualisiert: 2026-09-17 Deutsch

Italien ist elfmal größer als Spanien: rund 1.100 Gerbereien mit über 17.000 Beschäftigten gegenüber 98 spanischen Betrieben mit etwa 2.300 Beschäftigten. Das sagt aber nichts über die Partie, die Sie kaufen. Entscheidend sind vier Zahlen: Zertifikatsstandard, Mindestmenge pro Farbe, Nachlieferzeit und wer für die Abweichung zwischen Muster und Serie haftet.

Wie groß sind die beiden Industrien wirklich?

Die Zahlen sind eindeutig — und sie führen in die Irre, wenn man sie als Qualitätsargument liest.

Italien Spanien
Gerbereienüber 1.10098
Beschäftigteüber 17.000rund 2.300
Exportanteil am Umsatzrund 70 %, in etwa 121 Länderrund 55 %, davon zwei Drittel in die EU
Wichtigster LedertypSchuhleder als größtes EinzelsegmentRindleder, gut 65 % der Produktion

Quellen: UNIC — Concerie Italiane und ACEXPIEL.

Und jetzt die Zahl, die in keiner dieser Vergleichslisten steht: Italien ist der größte Exportmarkt für spanisches Fertigleder. Ein erheblicher Teil des Leders, das später als «italienisch» in einem Schuh landet, wird in Spanien gegerbt und nach Italien verkauft (ACEXPIEL).

Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. Es ist der Grund, warum die Herkunftsfrage als Einkaufskriterium nicht trägt: Sie kaufen keine Landkarte, Sie kaufen eine Partie.

Ein realistischer Maßstab statt der Nationalität: Gabor bezieht nach eigenen Angaben über 60 % seines Oberleders aus italienischen Gerbereien, dazu Lieferanten in Deutschland, Portugal, Indien und der Türkei — und beschäftigt eigene Lederprüfer, die direkt in den Gerbereien kontrollieren (Gabor). Nicht das Land ist die Entscheidung, sondern die Kontrolle über die Partie.

Warum ist «italienisch» trotzdem so ein starkes Wort?

Weil Größe Sichtbarkeit erzeugt. Mit elfmal mehr Betrieben und dem Messeplatz Lineapelle in Mailand ist Italien in jedem Beschaffungsgespräch präsent, bevor jemand eine Preisliste gesehen hat.

Nur: Größe ist auch kein Stabilitätsversprechen. Die italienische Gerbereiindustrie meldete für 2024 ein Produktionsvolumen von −8,5 % und einen Umsatzrückgang von −4,1 % gegenüber dem Vorjahr. Wer eine Marke aufbaut, braucht keinen großen Lieferanten — er braucht einen, der in zwei Jahren dieselbe Partie noch nachlegen kann.

Die drei Begriffe, die Sie dafür auseinanderhalten müssen:

Welche vier Zahlen vergleichen Sie stattdessen?

Diese vier entscheiden über Ihre erste Produktion. Fragen Sie sie bei jedem Anbieter in genau dieser Reihenfolge ab, egal in welchem Land er sitzt.

1 · Nach welchem LWG-Standard ist er zertifiziert — nicht nur welche Medaille. Das ist die Frage, an der sich Hersteller und Händler trennen. Es gibt vier Standards: Leather Manufacturer, Commissioning Manufacturer, Trader und Subcontractor — und nur die ersten beiden bekommen überhaupt eine Medaille. Ein Trader kommt maximal auf «Approved». «LWG Gold» ohne Angabe des Standards ist deshalb eine halbe Auskunft. Wie Sie das Zertifikat selbst prüfen: LWG-Zertifikat lesen.

Ein Hinweis, der Ihnen später Ärger erspart: die Rückverfolgbarkeit wird im LWG-Protokoll getrennt und in Prozent bewertet. Sie ist derzeit kein K.-o.-Kriterium und kann auch bei einem gültigen Gold-Zertifikat bei 0 % liegen. Wer Ihnen Zertifikat und Rückverfolgbarkeit als dasselbe verkauft, hat das Dokument nicht gelesen.

2 · Wie groß ist die Mindestmenge — und woran hängt sie? Nicht an der Stückzahl, sondern an der Farbe. Eine Lagerfarbe hat praktisch keine Untergrenze; eine Sonderfarbe hat die Größe einer Trommelcharge, weil die Trommel nicht halb gefahren werden kann. Die vollständige Rechnung für die erste Bestellung steht in your first leather order.

3 · Wie lang ist die Nachlieferzeit für dieselbe Farbe? Nicht die Lieferzeit der ersten Partie — die zweite. Das ist die Zahl, die Ihre Nachbestellung im zweiten Jahr entweder möglich oder unmöglich macht. Lassen Sie sich Wochen nennen, schriftlich.

4 · Wer haftet, wenn Serie und Muster auseinandergehen? Halten Sie zwei Referenzen fest: das freigegebene Farbmuster und das Produktionsmuster. Und schreiben Sie dazu, welches im Streitfall gilt. Ohne diesen Satz gewinnt immer der, der die Ware schon geliefert hat.

Was heißt das für Ihre erste Bestellung?

Die Reihenfolge ist immer dieselbe, und sie ist unabhängig vom Herkunftsland:

  1. Spezifikation vor Anbieter. Tierart, Gerbart, Substanz in Millimetern, Farbe und Futter. Die Substanz nach Schuhtyp finden Sie in Lederstärke für Schuhobermaterial; die sechs Entscheidungen davor in Leder für Schuhmarken.
  2. Muster in der echten Farbe, nicht in der Nachbarfarbe der Kollektionskarte.
  3. Die vier Zahlen oben abfragen, bei mindestens zwei Anbietern, schriftlich.
  4. Erst dann verhandeln. Der Quadratfuß-Preis ist die letzte Variable, nicht die erste.

Wenn Sie den vollständigen Überblick über Schuhoberleder auf Englisch brauchen, ist der Einstieg leather for shoes; den direkten Herkunftsvergleich auf Englisch gibt es unter Spanish vs Italian leather.

TL San Martín gerbt seit 1995 in Elda und ist LWG Gold nach dem Standard Leather Manufacturer zertifiziert — dem einzigen Standard, in dem es die Goldmedaille überhaupt gibt. Muster anfordern kostet Sie nichts und beantwortet mehr als jeder Herkunftsvergleich.

Suchen Sie Ihr Oberleder über das offene Board

Das B2B-Board von TL San Martín ist kostenlos und offen: Stellen Sie Ihre Materialsuche in die Kategorie Materials — Artikel, Substanz in mm, geschätzte Fläche, Farbe und Termin — und lassen Sie Gerbereien und Fabriken antworten, die die Partie tatsächlich im Haus haben. Für Fertigung und Zulieferung ist die richtige Kategorie Partners & factories.

Häufige Fragen

Ist italienisches Oberleder besser als spanisches?

Die Herkunft allein sagt nichts über die Partie. Italien hat mit über 1.100 Gerbereien eine deutlich größere Auswahl, Spanien mit 98 Betrieben eine kleinere — in beiden Ländern finden Sie Spitzenqualität und Ware, die Ihre Spezifikation nicht trifft. Entscheidend sind Zertifikatsstandard, Mindestmenge pro Farbe, Nachlieferzeit und Haftung für Musterabweichungen.

Woran erkenne ich, ob mein Anbieter selbst gerbt?

Am LWG-Standard im Zertifikat und am Lieferschein. Ein Hersteller weist «Leather Manufacturer» aus und kann Ihnen Charge, Trommel und Rezeptur benennen; ein Händler nennt Ihnen nur die Artikelnummer. Fragen Sie nach der Nachlieferzeit derselben Farbe — dort wird der Unterschied sofort sichtbar.

Wie viel Oberleder brauche ich für eine erste Serie?

Rechnen Sie mit etwa 3 bis 4 Quadratfuß pro Paar Halbschuhe und 5 bis 6 pro Paar Stiefel, plus Verschnitt. Die Untergrenze setzt aber nicht die Paarzahl, sondern die Farbe: Sonderfarben binden eine ganze Trommelcharge Kapital, Lagerfarben nicht.

Muss ich zur Lineapelle nach Mailand, um Oberleder zu finden?

Nein. Die Messe verschafft Ihnen einen Marktüberblick, ersetzt aber keine Musterprüfung in Ihrer eigenen Farbe und mit Ihrer eigenen Substanz. Für eine startende Marke ist es effizienter, zwei bis drei Gerbereien direkt anzuschreiben und die vier Kennzahlen abzufragen.

TL San Martín gerbt und veredelt Leder seit 1995 in Elda, Alicante: LWG Gold nach dem Standard Leather Manufacturer — der einzige Standard, in dem es eine Gold-Medaille überhaupt gibt; ein Trader kommt höchstens auf „Approved“. Muster anfordern.